Freitag, 22. Januar 2021

Räume öffnen. Zu meinem Selbstverständnis als Gefängnisseelsorger

Vor ein paar Tagen wurde ich gebeten, für einen Pfarrbrief ein paar Worte zu meiner seelsorglichen Arbeit zu verfassen.
Hier sind sie auch für den Blog:

Grün in der Wand.
Außenmauer JVA Plötzensee, Berlin, 2020.
Die Hafträume in einer JVA sind nicht groß. Die Spielräume für die Inhaftierten auch nicht. Daran kann ich als Seelsorger in der JVA nicht viel ändern.
Was ich tun kann, ist jemanden für einen Augenblick aus seiner Zelle herauszuholen, ihn in mein Büro einzuladen und ihm bei einem Kaffee mein offenes Ohr anzubieten. Ich bin zum Schweigen verpflichtet und zur Empathie bereit. Oftmals bedeutet das schon sehr viel. Ich helfe zu einem neuen Blick auf das eigene Leben, zu einem Blick, der Gott mit hineinholt. Das ist ein Freiraum im Knast. Ganz legal.

Als Seelsorger im Gefängnis möchte ich neue Räume öffnen:

Wo einer nur sich selbst sieht, möchte ich helfen, dass er auch andere wahrnehmen kann.
Wo einer nicht mehr weiter weiß, möchte ich Wege aufzeigen.
Wo einer keinen Boden mehr unter den Füßen spürt, möchte ich Halt vermitteln.
Wo einer sich nur noch als Knacki wahrnimmt, zeige ich ihm, dass er noch viel mehr ist.
Wo einer glaubt, dass mit der Haft alles aus ist, möchte ich ihm Hoffnung geben über die Zeit im Knast hinaus.
Wo einer glaubt, dass niemand ihn mag, zeige ich auf Gottes grenzenlose Liebe.
Wo einer seine Schuld nicht mehr aushält, biete ich ihm Gottes Vergebung an.
Wo einer denkt, dass alle gegen ihn sind, stehe ich auf seiner Seite.
Wo es nichts zu feiern gibt, da feiere ich Gottesdienst.

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