Donnerstag, 8. Mai 2014

Das Kriegsende in den Augen der Beteiligten

Wie erlebten die Deutschen das Ende des Zweiten Weltkrieges? Wo fanden sie sich wieder nach sechs langen Jahren Tod und Zerstörung? War es ein Ereignis, das zum ultimativen Vergleichsmaßstab wurde, so wie für Leonard Cohen, der von sich singt: "I haven't been this happy since the end of World War II?


Hand, Nudeln, Glas, Neukölln, Berlin 2014.
Mich interessiert diese Situation von Umbruch und Neubeginn. Tod und Auferstehung, Aufatmen, Frustration, Freude, Angst, Hoffnung, Befreiung - alles zeigt sich, je nach Lage und Prägung. Im Folgenden einige der von Walter Kempowski zusammengetragenen Zeugnisse aus dem "Echolot" vom 08. und 09. Mai 1945. Sie spiegeln unterschiedlichste Reaktionen aus der deutschen Bevölkerung wider.

Ein deutscher Kriegsgefangener in einem sowjetischen Lager schreibt:
"Alle Gefangenen mussten auf einem großen Platz Aufstellung nehmen, nach Nationen getrennt. Uns wurde der Kriegsschluss mitgeteilt. Vorbeimatsch der russischen Offiziere. Gemeinsam die "Internationale" gesungen. Am anderen Tag hatte ich Glück und durfte mit einigen Kameraden den Siegesfeier-Saal der Russen säubern. Dabei war manche zertretene Brotkruste, mancher Heringskopf eine willkommene Zusatzverpflegung für uns."1

Von einer augenscheinlich katholischen Ordensschwester namens Josepha in Breslau wurde festgehalten:
"Heut hatte ich Nachtwache. Die Russen haben uns heut wieder besucht, aber anständiger als gestern. Leider ist schon überall gestohlen worden u. die Mädchen u. Frauen belästigt wordem.
O lb. Gott, erleuchte doch diese Seelen, die Dich nicht kennen. O hilf doch unserem Volke, dass es im Geist der Sühne alle Leiden trägt. Wir haben ja viel gutzumachen. Wie wird es in meinem Leben gehen? Heut ist im ganzen Reich Ruhe geworden. Lb. Mutter Gottes, Dir sei Dank.
"2

Kreuzwegstation, Karmel St. Teresa,
Birkenwerder, 2014.
Der Kriegsgefangene Otto Faust beschreibt sein Kriegsende im lettischen Riga:
"Es war für mich sehr schwer. Als Idealist zog ich in diesen Kampf, ob als Soldat oder Nationalsozialist, und ein so gewaltiges Ringen nahm so einen bitteren Abschluss. Einige freuten sich, insbesondere die Herren von der "Antifa", d.h. Antifaschisten. Es waren meistens Vagabunden [...]."3

Eine Frau im Lager Nischni-Tagil hält fest:
"Bei Bekanntgabe des Kriegsendes am 8. Mai haben wir alle geweint. Gehofft wurde nur auf baldige Heimkehr."4

Ilse Schulz aus Aussig (heute das tschechische Ústí nad Labem) berichtet:
"Am Morgen brachte das Radio die ersten Berichte von Waffenstillstandsverhandlungen. Der Krieg war zu Ende. Wir hörten es mit gesenkten Blicken. Kein Gefühl der Erleichterung, der Hoffnung durchzog unser Herz. Unser bedrücktes Schweigen unterbrach Ullis jubelndes Stimmchen: "Mutti, der Vati!"
Mit wankenden Knien eilte ich zum Gartentor. Da stand er. Bleich und stoppelbärtig, in zerdrückter Uniform ohne Waffe, ohne Koppel, ohne Schuhe mit durchbluteten Verbänden an beiden Füßen. Aber er lebte! Er sah aus, wie die Personifizierung des verlorenen Krieges, – aber er lebte! Selig hielten wir uns in den Armen."5

Albert Schweitzer schreibt von der Tagesarbeit im fernen Lambarene und notiert im Anschluss:
"Erst am Abend komme ich zur Besinnung und kann versuchen, mir vorzustellen, was das Ende der Feindseligkeiten in Europa bedeutet und was die vielen Menschen empfinden müssen, die seit Jahren die erste Nacht ohne Angst vor drohender Bombardierung erleben dürfen."6

Einschusslöcher, Am Kupfergraben, Berlin-Mitte, 2014.


1   Zit nach: W. Kempowski, Das Echolot. Abgesang '45. Ein kollektives Tagebuch. München 2007, 358f.

2   Ebd., 365.

3   Ebd., 346.

4   Ebd., 358

5   Ebd., 387.
6   Ebd., 424.

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