Mittwoch, 1. Juni 2016

Grauzonen der Erlösung - "Noah" von Darren Aronofsky fragt nach Gottes Willen

Mein Fazit: trotz des bekannten Endes und viel Pathos ein spannender, mit seinen existenziellen theologischen und ethischen Fragen in die Tiefe gehender Film. Der Actionkrach rings um den Plot kann manchmal etwas ablenken, aber insgesamt eine sehr sehenswerte Adaption der biblischen Erzählung von der Rettung der Schöpfung in der Arche des Noah.

Holzboot. Grünheide, 2016.
Sich eine mythische Geschichte der biblischen Überlieferung als Vorlage für einen Actionkracher zu nehmen, erscheint zunächst riskant: müssen doch die Figuren plastisch und mit nachvollziehbaren Charakteren ausgestattet werden, ohne dass der erzählerische Gesamtbogen ins Schleudern kommt oder der Zuschauer die Lust am vielen Lärm verliert.
Dem versierten Regisseur Darren Aronofsky ist das Wagnis weitestgehend gelungen, auch indem er in der aufpolierten biblischen Handlung umweltpolitische Problemaufrisse neben der Theodizeefrage und die Herausforderungen von Gewalt und Sex neben der Sorge um das menschliche Gewissen einfach stehen lässt. Und das klappt ganz gut, wenn man nicht auf biblische Detailtreue aus ist.

Sünde
Die Nachkommen Kains haben sich über die Erde verbreitet und sind frühindustrielle Räuber an der Natur geworden. Mehrfach wird der ökologische Widerspruch zwischen dem Plündern der Ressourcen und der Würde der Schöpfung ins Bild gehoben, so etwa, wenn Noah (Russel Crowe) seinem Sohn etwas plakativ verbietet, eine Blume zu pflücken, weil sie nur nehmen würden, was sie brauchen.

Dagegen steht die urbane Zivilisation, die später durch Tubal-Kain (Ray Winstone) personifiziert wird und, trotz aller sonstigen Schwarz-Weiß-Zeichnung, die auch heute gültigen Argumente für die Nutzherrschaft des Menschen über die Erde durchaus nachvollziehbar ins Wort bringt – überleben braucht Wachstum.
Die Kain-Menschen erleben diese Herrschaft durch Arbeit als den ihnen von Gott auferlegten Auftrag, nach dem sie sich im Schweiße ihres Angesichts plagen müssen: "Er verdammte uns zu schwerer Arbeit, um zu überleben. Verflucht will ich sein, wenn ich nicht genau das tue." Hinter dem Raubbau steht der Zwang zu überleben.

Zugleich zeigt sich daran, wie unterschiedlich Gottes Wort verstanden werden kann, wenn er sonst nur schweigt – dass Sünde ist, wenn nur der Buchstabe zählt. Und was für Probleme entstehen, wenn jemand sich unter dem Anpruch eines so hoch legitimerten Auftrags sieht. Doch davon gleich mehr.

Rettung
Der Gott des Filmes spricht zu Noah durch Träume und Visionen. Diese urtümliche Form der Religiosität liegt in den Frühformen religiöser Tradierungen nahe und so tritt der "sprechende" Gott filmisch wunderbar zurückhaltend und doch klar in die Handlung.

Landende. Peetzsee, Brandenburg, 2016.
Noahs schmerzhafter Aufbruch und sein Zweifeln an der eigenen Sendung sind wunderbar in Szene gesetzt. Angereichert durch biblisch fundierte und filmisch weitergesponnene Mythologien schließt sich im filmischen Erzählfluss der Bau des rettenden Schiffes an. Und da zeigt sich an der Bosheit der Kain-Menschen bald, dass es die angekündigte Flut einerseits nicht ohne einen moralischen Sinn und die Rettung ihrerseits nicht ohne Widerstand gibt.

Aber auch die Ambivalenz der biblischen Positionen wird herausgestellt – alle Menschen sollen vernichtet werden bis auf jene, die die Arche bauen? Was für ein Gott ist das, der dieAuslöschung der Menschheit will?

Und kann dieses Ende wirklich ein neuer Anfang sein? Die Gestalt Noahs bleibt hier ambivalent – im Gespräch mit Schwiegertochter Ila (Emma Watson) erkennt er einen neuen Anfang, wo sie nur das Ende von allem sehen kann; später jedoch scheint er sich darüber nicht mehr so sicher zu sein.

Grauzonen
Denn, so lautet eine weitreichende Einsicht des Film-Noahs, die er nach einem Ausflug zu den Kains-Menschen seiner Frau (Jennifer Connelly) gegenüber äußert: "Das Böse ist nicht nur in ihnen. Es ist in uns allen."
Es ist deshalb auch die Frage nach dem Wesen des Menschen und seiner Rettungswürdigkeit, die den weiteren Konfliktverlauf bestimmt. Aronofskys Noah meint fortan, Gottes Plan sei es, alle Menschen auszulöschen und mit der Arche eigentlich nur die Tiere zu retten.

Zunächst bedeutet diese Einsicht einen Realitätsschub: Auch Gottes Erwählte sind keine Engel, sondern Menschen mit all ihren guten und schlechten Seiten. Nicht besser als die Anderen. Denn das Böse lauert nicht nur außen, sondern auch im Innern der Arche und im Innern jedes Menschen.
Das können sich Muslime ebenso wie Christen und andere nicht oft genug sagen, wenn es um ihre Beziehungen zu Gott im Verhältnis zu Gläubigen anderer Religionen geht.

Tubal-Kain hatte zuvor schon unmissverständlich darauf gepocht, Ebenbild Gottes zu sein und darum Leben geben und Leben nehmen zu können. Das aus Hybris geborene Missverständnis, dass die ethische Verantwortung ins Abseits schiebt und menschliche Verantwortlichkeit auf das Überleben des eigenen Stammes beschränkt, zeigt sich in brutalster Weise.

Kein Lagerfeuerplatz. Grünheide, 2016.
Für Noah bedeutet diese neue Sicht auf den Menschen (und insbesondere seine Söhne) auch Bitterkeit – seine Perspektive wird nicht nur realistischer, sondern auch härter und kompromissloser.
Gottes Wille
Aber durch Noahs Gedanken bricht außerdem die Frage wieder auf, was der Wille Gottes denn nun sei und wie er zu erkennen wäre, wenn Er ihn kundtut. Genau wie über manche fanatische Religiöse gewinnt auch über Noah der Gedanke Macht, dass Gottes Wille der Tod sei. Die Flut macht das für ihn offenbar.
In seiner Gewissensnot kann er auf dem Höhepunkt seiner persönlichen Krise (deren Inhalt hier nicht verraten sei) die Zeichen der Zeit nicht als Zeichen Gottes erkennen.
Das Ende des Regens sei Hinweis auf den Beginn einer Zeit der Gnade und Barmherzigkeit, wie seine Frau es nennt? Noah will davon nichts wissen.

In die Handlung eingestreut finden sich einige Kommentare zur Frage: Wie wird ein Mann ein Mann? Durch Sexualität und eine Frau, wie Sohn Ham es deutet? Oder ist es die Fähigkeit zu töten, die Tubal-Kain beschwört?
Auf derselben Ebene: Oder wird man erwachsen und Mensch durch Pflichterfüllung, wie Noah mehrfach andeutet? Der Widerspruch sitzt hier bereits in den Startlöchern: Sollte Gottes Grund, Noah zu erwählen wirklich einzig gewesen sein, dass der imstande war, die Arche zu bauen?

Erst ganz am Schluss werden diese Fragen beantwortet mit dem ethischen Grundsatz, wonach Freiheit erst als Freiheit zum Guten die Würde der menschlichen Verantwortung voll zur Geltung bringt. So wird Mensch zum Menschen, so erfüllt sich Gottes Wille.

Damit schließt der Film bei allen bleibenden Theodizee-Anfragen an die Flutgeschichte zugleich modern und theologisch plausibel: Das ist der Wille Gottes – würde-volle Menschen, die nicht blind gehorchen, sondern ihre Freiheit gebrauchen, um Leben zu fördern. 

Neues Land mit alten Spuren. Linum, 2016.