Mittwoch, 15. Januar 2020

"Die Welt ist dumm" - Eine Lyrikbetrachtung von damals für heute.

Folgender Text von mir wurde 2011 in der Zeitschrift "Jesuiten" zum Thema "Liebe" veröffentlicht. 
Dieser Tage habe ich nicht die Ruhe und Muße, aktuelle Texte zu schreiben, darum bringe ich ihn hier noch einmal (minimal redigiert). 
Dazu passt, dass sich Ende Januar mein Ausscheiden aus dem Orden jährt. Wahrscheinlich war dieser Text schon ein Vorgeschmack auf die Entscheidung zum Austritt. Aber lest selbst:


Die Welt ist dumm
Suche nach der richtigen Perspektive.
Turm der Marienkirche, Frankfurt/Oder, 2020.



Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,

Wird täglich abgeschmackter!

Sie spricht von dir, mein schönes Kind,

Du hast keinen guten Charakter.



Die Welt ist dumm, die Welt ist blind.

Und dich wird sie immer verkennen;

Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse sind,

Und wie sie beseligend brennen.


Heinrich Heine, aus dem "Buch der Lieder"


Der große Heinrich Heine, bekannt für seinen Spott über Bürgerlichkeit und namentlich über die Repräsentanten von Staat und Religion, hat sich zugleich durch viele innige Liebesgedichte hervorgetan. Oft schimmert in diesen Gedichten, und so auch in den oben abgedruckten Versen, ein ironischer Unterton durch.

Nur der Liebende weiß um die wahren Vorzüge der Geliebten. Die dumme Welt dagegen verkennt sie. Für den liebenden Autor scheint nicht der Charakter ausschlaggebend zu sein, sondern die Süßigkeit der Küsse. Sind ihm durch seine Liebe also die Augen geöffnet oder geblendet worden? Ist wirklich er der Sehende? Wer sieht denn die Geliebte so, wie sie wirklich ist?
Eine letzte Antwort auf diese Fragen lässt das Gedicht nicht zu. Was gilt, ist der liebende Blick. Denn mindestens das wird dem Leser unmissverständlich klar: Liebe verändert die Perspektive radikal. 

Darum ist gleichzeitig auch klar: Eine Person, die liebt, kann nicht mehr auf Seiten einer lieblosen Welt stehen. Die Werte der "Außenwelt", derer, die nicht im Kosmos der Liebenden leben, haben keine Bedeutung mehr – alles wird bestimmt von der Einen. Bei allem, was gesagt wird, ist die Liebe das Zünglein an der Waage – alles muss an ihr vorbei. Die Gründe der lieblosen Vernunft, die die Welt vorbringen kann, treffen den Punkt nicht mehr; "abgeschmackt" sind sie dem Liebenden.
Das findet seine Legitimation in der persönlichen Erfahrung – süße Küsse, die beseligend brennen sind genug. 
Doch was ist denn dieses beseligende Brennen? 

Möglicherweise will der Ausdruck besagen, dass Liebeslust und Liebesschmerz nahe beieinander liegen. Denn wenn das Herz geöffnet ist, hat das Glücklichmachende eine solche Macht, dass es auch in die Abgründe des Schmerzes reißen kann. 

Doch es gibt noch eine zweite Deutungsoption: Jeder Kuss, jede Berührung trägt auch schon Abschied und Ende in sich. So brennt schon in jedem Kuss das Verlangen nach mehr – und kann von jedem neuen Kuss, jeder neuen Berührung doch nicht gestillt werden. 

Trotzdem und genau deshalb scheint Heine zu sagen: Besser ein glühendes Herz als dumm wie die Welt.

Welt ohne Durchblick.
Wald bei Grünheide, 2019.

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