Donnerstag, 4. Oktober 2018

Ehelosigkeit geht nicht nebenbei. Ein Brief aus Erfahrung

Auf Wunsch des zuständigen P. Clemens Blattert SJ habe ich mir vor einiger Zeit mal Gedanken gemacht, was ich als ehemaliger Jesuit einem (potentiellen) Interessenten am Jesuitenorden schreiben würde. Und zwar dies:


Lieber Interessent,

im Jahr 2007 bin ich ins Noviziat des Jesuitenordens eingetreten, habe mich aber 2012 entschieden, wieder auszutreten. Heute schreibe ich Dir ein paar Gedanken, wie es zum Austritt kam – aber auch, warum es sich für Dich lohnen kann, auszuprobieren, ob das Ordensleben etwas für dich ist.

Als ich dem Provinzial schrieb, dass ich glaubte, nicht länger im Orden verbleiben zu können und deshalb um die Entlassung bat, hatte ich zuvor schon lange hin- und her überlegt. Ich hatte viel gebetet, abgewogen, hier ein Für und dort ein Wider bedacht und schließlich eine ganze Reihe von Dingen ausformuliert, die mich störten und Gründe für meinen Austritt darstellen sollten.

Weite und Länge und Tiefe zugleich.
Hidensee, 2018.
Wenn ich dagegen heute zurückdenke, schrumpfen diese Gründe eigentlich auf einen zusammen, nämlich dass ich nicht mehr ehelos und sexuell enthaltsam leben wollte.

Ich war fünf Jahre in einem diözesanen Priesterseminar und anschließend viereinhalb Jahre im Orden. Aber heute müsste ich Dir zugeben, dass ich mich für die Ehelosigkeit oder die Lebensform des Zölibats nie im eigentlichen Sinne aktiv entschieden hatte. Auch wenn es, wie ich rückblickend zugeben muss, genügend Anlässe und Aufforderungen gab, mich damit auseinanderzusetzen. Ich dachte, ich könnte die Ehelosigkeit einfach nebenbei mitnehmen. Aber das geht nicht. Das habe ich einigermaßen schmerzlich und intensiv erleben müssen.

Trotzdem war es, auch wenn Du das vielleicht schwer glauben kannst, alles in allem keine schmerzliche Zeit. Heute werde ich als Ehemann und zweifacher Vater anderweitig geprüft und verkläre die Zeit im Orden wohl eher. Jetzt fallen mir die vielen positiven Seiten des Ordenslebens besonders auf: Zeit für mich allein! Einen Raum, dessen Tür ich hinter mir zumachen kann! Regelmäßig Zeit für Gebet und Messbesuch auch unter der Woche! Vielfältige intellektuelle Gesprächspartner aus aller Herren Länder, mit denen mich eine gemeinsame Lebensausrichtung verbindet! Eine Mission! Tiefe Erfahrungen der Begegnung mit Gott!

Wenn ich dir also die Jesuiten empfehlen sollte, würde mir das mit eben genannten Stichworten sicher nicht schwerfallen. Mich hat diese Zeit unheimlich bereichert und geprägt. Ich habe sehr viel über Gottes Größe, die Weite der Kirche und nicht zuletzt über mich selbst gelernt, über meine Abgründe und Schwächen genauso wie über meine Fähigkeiten und Stärken.

Allerdings muss ich Dir vor der Entscheidung über einen Schritt in den Orden sagen, dass gerade bei den Jesuiten ein hohes Maß an Eigenverantwortung vorausgesetzt wird. Gebet und Arbeit werden nicht kontrolliert, jeder kann seinen Alltag recht individuell gestalten. Glücklich wirst Du deshalb wohl am ehesten, wenn Du neben hohem persönlichen Einsatz auch die ständige Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion mitbringst.

Auch wenn Du Kirchlichkeit eher in engen Kategorien denkst, wirst du in einem Orden, der viele innovative Ideen von kirchlichem Leben ausprobiert, eher irritiert werden.

Wenn Du aber eine tiefe Gottesfreundschaft suchst und glaubst, dies im Rahmen einer weltweit in den unterschiedlichsten Bereichen tätigen Gemeinschaft finden zu können - und wenn Du dafür ohne eigenes Auto und eine Frau an deiner Seite auskommst, dann kannst Du es bei den Jesuiten versuchen.

Rot und schwarz und hoch aufragend.
Marburg, 2015.
Ich selbst glaube inzwischen, meinen Platz im Leben, auch im Leben der Kirche, gefunden zu haben. Ich genieße den Alltag als Gefängnisseelsorger und Vater und empfinde die Suche nach der einen großen Sendung nicht mehr als so zentral.
Mein geistliches Leben ist sicher flacher geworden, dafür suchen mich aber auch viele Fragen und Zweifel nicht mehr mit so existenzieller Wucht heim.

Ich habe gelernt, dass ich Berufliches und Privates viel stärker trennen muss als während meiner Lebens als Ordensmann. Und ich versuche weiterhin, an die Ränder zu gehen und dort, genauso wie im Familienalltag, treu dem Rat des Ignatius Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden.

Ich hoffe, mit diesen Gedanken konnte ich Dir etwas helfen.

Alles Gute bei Deiner Entscheidung!


P.S. Dieser Text war eine Zuarbeit für die Seite jesuitwerden.org und ist hier zu finden.

P.P.S. Mehr zum Thema hier und hier und hier.