Samstag, 7. Juli 2018

Von Mutationen und Wunderblockern. Eine Predigt im Gefängnis

Das heutige Evangelium (Mk 6,1-6) ist ein Evangelium über Vorurteile, über die Bindung an die Familie und über die Voraussetzung von Wundern.

Wie wir schon vor ein paar Wochen gehört haben, versucht Jesus alles, um sich von seiner Familie abzugrenzen. Er emanzipiert sich radikal. Und doch versuchen jetzt Leute, die ihn von klein auf kennen, Jesus eben auf seine Familie zu reduzieren.
Sie können nicht glauben, dass dieser ihnen schon altbekannte Jesus plötzlich wirklich was Neues zu sagen hat: „Woher hat er das bloß?“ (v2) Wie kommt er denn auf so etwas, als Kind war er doch immer normal?! Was will er uns da plötzlich erzählen? Welche Fähigkeiten bildet er sich da ein? Kann er nicht einfach ein Zimmermann bleiben und nicht versuchen, jemand anderes zu sein?

Vorurteil 1: Aller guten Dinge sind drei.
Hiddensee, 2018.
1. Vorurteile
Es ist diese Haltung, die meint, schon immer genau zu wissen, woran man mit dem Anderen ist, die hier zum Problem wird.
Das sehen wir derzeit an ganz unterschiedlichen Stellen des öffentlichen Diskurses:
Da werden Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen, von Politkern, die sich "christlich" nennen, als "Asyltouristen" bezeichnet – denn man meint schon ganz genau zu wissen, was die Leute antreibt, wenn sie aus ihren zerstörten Ländern aufbrechen.
Da wird eine Frau, die bei der Fußball-WM das Spiel Japan gegen Belgien kommentiert, in übelster Weise beschimpft und beleidigt. Nicht etwa, weil sie schlecht kommentieren würde, sondern einfach nur, weil manche Männer meinen, Frauen könnten das eben nicht.
Da werden katholische Priester, nur weil sie zölibatär leben, pauschal als sexuelle Neurotiker oder potenzielle Missbrauchstäter hingestellt – auch hier glauben viele Leute viel zu schnell, sie wüssten, was die wahren Motive dafür sind, so zu leben.
Von den Vorurteilen gegenüber ehemaligen Häftlingen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt ganz zu schweigen.

Jesus erlebt also das, was viele Menschen erleben: Durch Vorurteile und schnelle Einordnungen stellt man jemanden in eine bestimmte Ecke und versucht damit, ihn klein zu machen und zu halten.

Allerdings muss eingeräumt werden: Es gibt natürlich auch Situationen, in denen eine kritische Rückmeldung auf mein Selbstbild von anderen ganz gut ist. Denn nicht jedes Mal, wenn jemand eine andere Sicht auf mich hat als ich selbst, ist das auch ein Vorurteil. Sie kennen es: Beamte und Sozialarbeiterinnen bilden sich aus der Aktenlage mit Ihrer Vorgeschichte und der Straftat (und normalerweise auch aus den persönlichen Gesprächen) eine Meinung, mit der Sie konfrontiert werden. Dann müssen Sie sich entscheiden, ob Sie der Sicht auf sich und Ihr Leben zustimmen können oder nicht – und ob das etwas mit Ihrer eigenen Sicht auf Sie macht.

So schreibt die ungarische Philosophin Ágnes Heller: "Wir müssen uns zwar auch mit den Augen der anderen sehen, uns aber nicht durch sie bestimmen lassen. Selbstrespekt bedeutet, dass wir uns respektieren, wie wir sind, und dass wir uns nicht völlig durch die Augen der anderen sehen. Sieht man sich allerdings gar nicht mit den Augen der anderen, ist das Eitelkeit: Dann haben wir immer ein völlig anderes Bild von uns selbst als die anderen von uns."1

Und genau darauf läuft der fein differenzierende Umgang mit den Meinungen anderer über uns hinaus: unterscheiden, inwiefern der Blick des Anderen vielleicht ein bisschen (oder auch ein bisschen mehr) Wahrheit enthält und inwiefern ich das vielleicht nicht sehen will oder kann.

2. Familienbande
Zunächst ein Hinweis: Familie ist wichtig! Gerade hier in Haft ist die Familie für die meisten doch der einzige wirkliche Anker draußen in der Welt. Aber Familie ist auch zwiespältig – und nur darauf möchte ich heute hinweisen.
Denn auch in dieser Frage hat Jesus viele Gemeinsamkeiten mit uns: Obwohl viele Erwachsene möglichst unabhängig sein möchten von den Bindungen an die Herkunftsfamilie – auch Jesus will das offensichtlich – und (in vielen Fällen jedenfalls) niemals so werden wollen wie ihre Eltern, kommen immer genug Leute mit Vorurteilen, die versuchen, alles nur vor diesem einen, familiären Hintergrund zu verstehen.
Das ist anstrengend – vor allem dann, wenn man merkt, dass man tatsächlich vieles von den Eltern mitschleppt...

Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben, in dem es zwar nicht umVorurteile, aber um andere Festlegungen auf die Familie geht:
Mit neunzehn Jahren, direkt nach dem Abitur, bin ich von zu Hause ausgezogen. Ich habe auswärts studiert, einige Jahre im Ausland verbracht und bin schließlich in einen Orden eingetreten mit der Aussicht, sehr wenig Kontakt zu Eltern und Geschwistern zu haben. Und so war es. Ich habe das nie bereut. Auch nachdem ich den Orden wieder verlassen hatte, habe ich die Verbindung zur Familie zwar gehalten, aber nicht über die Maßen.

Ich fühle mich diesbezüglich einigermaßen unabhängig und frei, ich mache die üblichen Besuche und freue mich, wenn sie da sind, aber auch, wenn sie wieder weg sind. Da bin ich ehrlich. Und mit Jesus als Vorbild hält sich auch mein schlechtes Gewissen in Grenzen.

2. Vorurteil: Mutationen sehen nicht gut aus.
Evangelist, Lukas-Kirche, Kreuzberg, Berlin, 2018.
Aber jetzt kommts: In meiner Familie gibt es eine genetische Mutation, die von Generation zu Generation übertragen wird und bestimmte ernste Krankheiten auslöst. Das heißt: sie kann übertragen werden. Die Chancen stehen 1:1. Durch eine Blutanalyse kann man herausfinden, ob man Träger des mutierten Gens ist.
Da stehe ich nun plötzlich, fühle mich zwar unabhängig und frei, aber ich merke, dass es so einfach nicht ist. Die Familie werde ich nicht los. Vielleicht schleppe ich etwas mit mir herum, das mich bald umbringt, das ich an meine Kinder weitergebe und auch sie schädigen kann.

"Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon?" (v3), wurde über Jesus gesagt. Ich habe mich schon auch gefragt: Bin ich nicht doch meiner Eltern Kind, auch wenn ich gern mein eigenes Leben lebe? Schleppe ich nicht viel mit mir rum, das ich nicht abschütteln kann?

Ich habe mich untersuchen lassen und vorige Woche die Testergebnisse in einem Beratungsgespräch mitgeteilt bekommen. Ich bin kein Träger der Mutation, welch ein Glück! Aber diese Phase der Unsicherheit während des Wartens auf das Ergebnis hat mir noch einmal klar gemacht, dass die Loslösung von der Herkunftsfamilie nicht einfach so möglich ist.
Das ist die eine Seite (die sich gewissermaßen auch in den Vorurteilen spiegelt). Aber das Evangelium zeigt auch die andere Seite: Es besagt, dass wir immer auch die Chance haben, ganz anders zu sein als unsere familiären Vorgaben sind und man es von uns erwartet.

Jesus lebt da etwas, was er auch seinen Jüngern und allen, denen er begegnet, zeigen will: Du kannst auch ganz anders. Er macht es vor: Ich kann auch ganz anders.

Das ist vielleicht die herausforderndste Botschaft dieser Lesung: egal, wie stark jemand an die Familie gebunden ist, so hat er doch immer die Möglichkeit, auch ganz anders zu sein. Manche Anwesende haben das schon sehr intensiv ausprobiert und sind deswegen vielleicht hier gelandet (dann kann man sich ja zurückhalten), andere können noch üben, mal ganz anders zu sein.

3. Keine Wunder
Zu guter Letzt: Jesus konnte keine Wunder tun, weil diejenigen, die ihn schon zu kennen meinten, ihn ablehnten und nicht an ihn glaubten.
Das ist erstaunlich!
Ist Jesus nicht Gottes allmächtiger Sohn auf Erden?
Nein, auch das ist ein Vorurteil.

Denn hier zeigt sich: Jesu Kraft ist eine Beziehungskraft und seine Wunder sind nicht irgendwelche Zaubereien, sondern basieren auf der Beziehung zu ihm.
Wenn Jesus zu Menschen sagt, dass sie auch ganz anders können, und sie dazu befähigt, indem er sie heilt oder aufrichtet oder neu losschickt – dann ist das ein Wunder.

Ganz allgemein kann man darum sagen: Vorurteile und Unglaube schwächen das Leben, nehmen die Kraft der Beziehung nicht ernst und wirken damit als Wunderblocker.
Wir können es selbst erleben: Vorurteile blockieren offenes Aufeinanderzugehen, blockieren Austausch und Gastfreundschaft.

Das Gegenstück dazu ist Vertrauen. Dazu lädt uns das heutige Evangelium auch ein. Nicht mit einer fertigen Meinung loszugehen, sondern uns überraschen zu lassen. Von Gott, von seiner Kirche, von einem Gottesdienst, aber auch von unserer Familie und unseren Nachbarn und nicht zuletzt von uns selbst.
Dann können wir Wunder erleben.

Zusammenfassend also diese drei Denkanstöße aus dem Evangelium:
  1. Welcher Blick von außen auf mich ist ein Vorurteil, das ich ablehne und gegen das ich anleben möchte – und welcher Blick hat vielleicht Recht, so dass ich etwas daraus mitnehmen kann?
  2. Wo bin ich besonders gebunden durch meine Herkunftsfamilie (sei es sozial, psychisch, finanziell, genetisch...) – und wo sehe ich Chancen, ganz anders, ganz neu zu sein?
  3. Wo kann ich der Kraft von Beziehungen noch mehr zum Duchbruch verhelfen und Wunder zulassen?
Beziehungskraft.
Baumpilz bei Köpenick, Berlin, 2016.

1   Á. Heller, Die Welt der Vorurteile. Geschichte und Grundlagen für Menschliches und Unmenschliches. Wien / Hamburg 2014, 155.