Samstag, 25. November 2017

Wo Gott sich finden lässt. Eine Gefängnispredigt am Christkönigssonntag

Vor ein paar Tagen habe ich mir mit meiner Tochter ein Bilderbuch mit Bibelgeschichten angeschaut. Am Ende der Jakobsgeschichte heißt es dort, dass Jakob weiterging und Gott mit ihm war.
Auf dem Bild aber war nur Jakob zu sehen. Folgerichtig fragte meine Tochter: „Und wo ist Gott?“
„Gott kann man nicht sehen“, habe ich darauf geantwortet. Und später hätte ich noch sagen wollen, dass Gott sich in Jesus gezeigt hat. Aber da schlief sie schon.
Ihre Frage selbst ist natürlich berechtigt – „Wo ist Gott im Leben eines Menschen" – oder: "Wo finde ich Gott?“

Und das Evangelium des Sonntags gibt dazu eine der besten und zugleich anstrengendsten Antworten.

Schatten und Licht sehen.
Fenster, Müllrose, 2017.
Denn es geht darum, dass sich der Weltenrichter und große König am Ende der Zeiten aufmacht, um die Erde zu richten.
Maßstab seines Gerichts ist nicht, ob jemand in seinem Leben an ihn geglaubt oder viel zu ihm gebetet hat oder regelmäßig in der Kirche war. Auch nicht, wie viel jemand gespendet hat oder ob er auf Knien bis nach Jerusalem gepilgert ist. Genausowenig geht es bei diesem Gerichtstermin darum, ob einer Vorstrafen hatte oder mal auf Flucht gegangen ist oder sonstiges.
Nein, vielmehr geht es diesem König darum, ob jemand seinen Nächsten gegenüber barmherzig war – und so Gott begegnet ist.
Der bekannte Spitzensatz ist: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (v40)

Spannenderweise feiern wir in der katholischen Tradition mit diesem Text den Christkönigssonntag. Es ist also Christus als der König, der sich mit den Obdachlosen, Kranken, Armen und Gefangenen identifiziert.
Ich halte das Evangelium dieses Sonntags darum für eine der wichtigsten christlichen Botschaften überhaupt.

Zwei Gedanken dazu.

1
Vor einiger Zeit hatte ich das Glück, eine Gruppe von Leuten zu treffen, die gerade dies ausprobieren wollten, denn sie haben sie Straßenexerzitien in Berlin gemacht.
Es geht dabei um die Aufmerksamkeit für Gott im Alltag und besonders auf den Straßen und Plätzen einer Stadt. Praktisch bedeutet es, sich auf den Weg auf die Straße zu machen und genau dort mit offener Wahrnehmung und offenem Herzen Gott zu suchen.
Denn Jesus sagt von sich selbst: "Ich bin die Straße" (bei uns oft übersetzt mit "Ich bin der Weg."). Wenn Jesus die Straße ist, dann finden wir ihn dort auch.
Viele der Teilnehmer kannten sich nicht gut aus in Berlin und hatten gerade in Neukölln, wo das Ganze stattfand, den Eindruck, dass vieles sehr kaputt und heruntergekommen sei. Das regte sie zunächst nicht gerade dazu an, sich Gott nahe zu fühlen.
Der Clou bei dieser Übung ist nun, sich von seinen Emotionen auf den richtigen Weg führen zu lassen. Ein wichtiger Weg kann dabei sein, auf seinen eigenen Ärger oder den Ekel oder die Ängste zu achten:
"Einen Weg, auf meine vitale Sehnsucht aufmerksam zu werden, finde ich über den in mir aufsteigenden Ärger oder sogar manchmal die Wut über bestimmte Lebensumstände. Über was ärgere ich mich da? Was erfahre ich als Unrecht? In einem zweiten Schritt frage ich dann: Wie stelle ich mir angemessene Umstände vor? Diese Frage führt mich direkt zu meiner noch unerkannten Sehnsucht.
Für jemand anderen findet sich ein Weg im Nachgehen der Erfahrungen, bei denen sich Traurigkeit oder Angst eingestellt haben. Auch hier ist dann die zweite Frage: Wie ist es besser? Wie wünsche ich, dass es sein soll?"1
Neues Licht auf die Dinge!
Norblin, Warschau, 2015.
Über diese negativen Gefühle lässt sich also etwas Gutes entdecken.
Vielleicht ist das auch ein Ansatz zur Gottesbegegnung hier im Gefängnis – dort, wo ich genervt bin oder über verschiedene Ungerechtigkeiten verärgert, genau dort komme ich vielleicht meiner tiefsten Sehnsucht auf die Spur.

Ähnlich im Evangelientext: dort, wo Menschen arm dran sind, wo sie bedürftig sind und es ihnen schlecht geht, dort lässt Gott sich finden.
Hunger, Obdachlosigkeit, Nacktheit, Gefangenschaft – das sind alles keine schönen Dinge, zumeist auch nicht schön anzusehen. Aber genau dort ist Gott.
Gott ist auch und gerade dort, wo das Kaputte ist.

Das zeigt, dass es im Christentum (und in gewissem Sinne auch bei Religion allgemein) um mehr geht als um das Augenfällige.
Es gibt eine Tiefendimension der Dinge, die uns oftmals nicht bewusst ist und die trotzdem immer mitschwingt. Sei es bei den Exerzitienübungen auf der Straße, wo diese Offenheit für den Mehrwert des Alltäglichen (die Situationen des Straßenlebens, die eigenen Gefühle) gerade eingeübt werden soll. Seien es die Angesprochenen im Text, denen nicht klar war, dass ihr Helfen oder Nichthelfen solche weitreichenden Bedeutungen hat – sie wussten schließlich gar nicht, dass sie Gott geholfen haben (oder eben nicht).
Gott sagt ihnen erst hinterher, dass mehr darin steckt; in der Situation selbst haben sie es nicht erfahren.

Das ist auch ein Dämpfer für bestimmte Frömmigkeitsformen, die stark auf die religiöse Erfahrung abheben – es ist nicht immer das Allheilmittel für einen Christen, wenn er tiefe Gottesbegegnung zu verspüren meint.
Manchmal begegnen wir Gott gerade dort, wo wir es eigentlich gar nicht wollen.
Wenn uns unser Ärger über etwas oder unser Ekel vor etwas darauf hinweist, dass Gott nahe sein will. 
Die Teilnehmer der Straßenexerzitien konnten jedenfalls über manche ihrer schlechten Gefühle einen weiteren Weg gehen.

2
Um diese Art der Aufmerksamkeit noch etwas mehr zu üben, kann man ein Gebet anwenden, dass aus der Tradition des heiligen Ignatius kommt.
Ihm ging es darum, Gottes Gegenwart im eigenen Leben zu erkennen, indem man abends mit Dankbarkeit auf den Tag zurückschaut und sieht wo Gott sich vielleicht zeigen wollte.
Über die Zeiten hat diese Übung sehr verschiedene Namen erhalten – zunächst hieß sie "Examen", weil Ignatius besonders den systematischen Blick schulen wollte, der aber die Gefahr beinhaltete, tatsächlich wie ein Examen im Sinne einer Prüfung abzuhaken, was ins Schema passte und was nicht. Später sagte man eher "Gewissenserforschung", was eher auf den moralischen aspekt abhebt – wo habe ich heute einen Fehler gemacht und wo nicht. Im englischen Sprachraum hat sich auch der Begriff "Consciousness Examen" eingebürgert, also Prüfung des Bewusstseins.
Der Jesuit Willi Lambert hat dieses Gebet ein "Gebet der liebenden Aufmerksamkeit" genannt, was einen guten Punkt trifft.2
Denn es geht um einen liebevollen Blick, der genau und unbestechlich, aber eben auch liebevoll und gütig schaut und auf diese Weise offen wird für Gott. 

Wie empfiehlt es sich nun also, dieses Gebet zu üben?
Zunächst ist es gut, sich einen ruhigen Platz und eine einigermaßen ruhige Zeit zu suchen.
Sitzen ohne Radio und Fernsehen bietet sich an.
Vielleicht probieren wir es einfach aus:
Liebevoll hinschauen ist möglich.
Rathaus Neukölln, Berlin, 2016.
Ich spüre in meinen Körper hinein, wie ich jetzt da bin.
Ich höre meinen Atem kommen und gehen.
Guter Gott, ich bin jetzt vor Dir da. So wie ich bin, bin ich da, mit meinem Licht und meinem Dunkel. Ich bitte Dich, führe Du jetzt meinen Blick, damit ich aufmerksam und liebevoll auf diesen Tag schauen kann. Amen“
Wenn ich auf diesen Tag schaue, dann verweile ich bei dem, was mich anspricht, woran ich hängen bleibe, wo mich etwas bewegt.
Ich werte nicht, ich nehme nur wahr – aufmerksam und liebevoll.
Dabei gehe ich mit meiner Wahrnehmung die einzelnen Punkte des Tages entlang - vom Aufwachen und Aufstehen über die Morgentoilette und das Frühstück ... bis jetzt.
Nun überschaue ich den Tag noch einmal:
Wofür möchte ich Dank sagen?
Ich sage Gott diesen Dank.
Habe ich Gottes Nähe heute irgendwo besonders gespürt?
Auch dafür sage ich Ihm Dank.
Was hat mich heute gestört – oder irritiert – oder traurig gemacht?
Auch das bringe ich in einem Gebet vor Gott.
Sagen diese negativen Gefühle etwas darüber aus, wonach ich mich sehne?
Nachdem ich diesen Tag bis jetzt vor Gott gebracht habe, richte ich nun den Blick auf das, was noch kommt.
Was erwarte ich für diesen Tag?
Guter Gott, ich bringe Dir diesen Vormittag. Ich danke Dir für Deine Gegenwart und lege ihn in Deine Hand.
Voll Vertrauen schaue ich auf die kommende Zeit und bitte Dich um Deinen Segen. Amen.“

Vielleicht hilft Ihnen diese Übung, Gott in Ihrem Leben mehr auf die Schliche zu kommen.
Das wäre sehr im Sinne des Evangeliums, in dem Gott schon zeigt, wo er sich bevorzugt finden lässt.

Abschließend noch einmal zur Frage meiner Tochter: Wo ist Gott denn nun? Wo finde ich ihn?

Die allerbeste Botschaft ist: Gott lässt sich finden.
Aber eben nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie, wenn wir uns im Gebet befinden oder in der Kirche aufhalten. Sondern er lässt sich in der ganzen Welt, in unserem Leben, in alltäglichen Erlebnissen finden.
Noch mehr: Der König der Welt, Gott selbst, identifiziert sich mit den Obdachlosen, Kranken, Armen und Gefangenen. Sie leben hier sozusagen an einem bevorzugten Ort.
Ein abendlicher Rückblick auf den Tag oder auch ein Rückblick auf eine bestimmte Zeit im Leben lohnt sich, gerade im Gefängnis.

Es lohnt sich, noch einmal mit anderen Augen auf einen Tag zu schauen, sich Zeit zu nehmen für einen Blick liebevoller Aufmerksamkeit und danach zu suchen, ob Gott sich an diesem Tag vielleicht zeigen wollte.

Denn hier will der König sein, hier ist Gott anwesend – mitten unter Ihnen!

Tor hinter dem Gefängnis.
Plötzensee, Berlin, 2017.

1   C. Herwartz, Brennende Gegenwart. Exerzitien auf der Straße. Würzburg 2011, 20.


2   Vgl. zu den Begrifflichkeiten besonders P. van Breemen, Gewissenserforschung. Zwei Notizen zu einer ignatianischen Gebetsweise. In: GuL 1992, 258-269.