Samstag, 21. März 2020

Knast im Kopf. Gedanken zu Haft und Ausgangssperre

"Das lasse ich mir nicht bieten! Das ist Nötigung!"

So oder ähnlich höre ich es von Zeit zu Zeit in seelsorglichen Einzelgesprächen in der Haftanstalt, wenn sich Inhaftierte über das Verhalten von Vollzugsbeamten aufregen. Das Gefühl für Beschränkungen der persönlichen Freiheit ist auch in Haft intensiv ausgeprägt. Nach dem Motto: Wenn schon inhaftiert, dann will ich wenigstens nicht noch mehr Einschluss in meiner Zelle als unbedingt nötig.

Da nun in der ganzen Republik Ausgangsbeschränkungen und Betretungsverbote eingeführt werden, fällt mir natürlich sofort ein, dass die Inhaftierten in den Haftanstalten dies tagtäglich erleben: eine strenge Reglementierung der Bewegungsfreiheit.

Fenster im Licht.
Wildau, 2019.
Tatsächlich sind die Ähnlichkeiten zwischen beiden Einschränkungen nicht von der Hand zu weisen: Staatliche Instanzen schränken persönliche Freiheiten ein. Rausgehen weitestgehend untersagt. Besuche aufs Nötigste reduziert.

Ich möchte allerdings betonen, dass die Unterschiede zwischen Haft und Ausgangssperre viel größer sind als die Gemeinsamkeiten – auch abgesehen von den Gründen für die jeweilige Freiheitseinschränkung. Dort die Reaktion auf ein Vergehen – hier der Versuch, einen Systemkollaps durch die Pandemie zu verhindern.
Dazu kommt:

1. Immerhin können wir raus! Ich genieße beispielsweise die tägliche kurze Einheit Frischluft mit meinen Kindern. Das ist etwas gänzlich anderes als eine Stunde Hofgang im Knast. Ich kann weitgehend selbst bestimmen, wann ich das mache und wohin ich gehe (unter Vermeidung von Menschenansammlungen derzeit meist in einen Wald in der Nähe).

2. Und: Ich habe meine Kinder bei mir. Auch das ist den Inhaftierten während der Krise natürlich nicht erlaubt. Im Gegenteil: die Besuche sind aktuell auf einmal monatlich für zwei Stunden heruntergefahren worden. Mit nur einer erwachsenen Person. Das bedeutet, dass Familien von Inhaftierten (genauso wie die Kranken in den Krankenhäusern) sich während der Hoch-Zeit der Corona-Krise überhaupt nicht sehen können. (Besser als in Italien allerdings, wo die Besuchsverbote vor ein paar Wochen zu Revolten und sogar zu Toten in einigen Gefängnissen geführt haben.)
Wichtig sind hier wie dort Kontakt nach draußen, sind Besuche! Ich freue mich jedes Mal, wenn Freunde uns die Lebensmittel bringen, die für eine kleine Familie nötig sind und wir wenigstens an der Tür ein paar (abstandssichere!) Worte wechseln. Danke an C. und R. und F.!

3. Auch unsere Kommunikationsmöglichkeiten sind ungleich besser! Ich kann mit meiner entfernteren Familie und mit Freunden telefonieren, skypen und chatten. Über diese technischen Möglichkeiten verfügen die Haftanstalten in der Regel nicht.
Ich glaube ja, dass das außerdem DIE Chance wäre, all die illegalen Handys in den Haftanstalten nun zu erlauben (oder wenigstens gegen solche ohne Kamera auszutauschen), damit die Inhaftierten wenigstens auf diese Weise die Möglichkeit der Kontaktpflege mit ihren Familien draußen haben.
Aber das ist sicher illusorisch. Leider!

Die Möglichkeit landesweiter Ausgangssperren mit offenem Ende erzeugen ein Gefühl der Angst vor dem Eingeschlossensein, ein Gefühl der Unsicherheit. Das eingangs beschriebene Gefühl staatlicher Nötigung liegt in der Luft, besonders bei der jungen Generation, die sich ganz praktisch wehrt und sich weiterhin trifft (bzw. getroffen hat).

Eingeengt.
Ofen im Flur. Dresden, 2017.
Auch ich hatte in meiner Quarantäne zunächst gehofft, dass es nach den zwei Wochen "normal" weitergeht. Doch das neue "Normal" ist jetzt auch von Beschränkungen bestimmt.

Zum Schluss noch ein frommer Gedanke zum Thema in Bezug auf das Sonntagsevangelium (Joh 9,1-41):
Jesus heilt einen Blinden. Die Beschränkungen und die Unfreiheit der Blindheit werden aufgehoben. Doch dann zeigt sich: die eigentliche Unfreiheit des Mannes ist die Bosheit derer, die Jesus schaden wollen. Sie werfen ihn aus der Gemeinde.
Mir sagt das in diesem Zusammenhang: Manchmal ist es nicht das Offensichtliche, das uns die meisten Beschränkungen auferlegt. Die meisten Sperren und Knäste sind toxische Beziehungen oder befinden sich in unserem eigenen Kopf.
Jesus dagegen ist das Licht der Welt (Joh 9,5). Er will uns ganz und gar befreien. Auch Ausgangsbeschränkungen oder Quarantäne oder Knast können sein Geschenk der Freiheit an uns nicht wegnehmen!

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