Samstag, 27. April 2019

Evangelium der Wunden. Blicke auf Jesus, uns selbst und die Welt

Das Evangelium des Sonntags (Joh 20,19-31) handelt von Wunden. Und davon, dass die Wunden zu sehen sind. 

1. Gott mutet uns die Wunden der Welt zu
Die Geschichte vom Auferstandenen, der sich den Jüngern mit seinen Wunden präsentiert, passt damit leider nur zu gut in unsere Zeit.

Denn am Ostersonntag mussten wir die Bilder von den Anschlägen in Sri Lanka mit den vielen hundert Toten und Verletzten sehen. Während die Gläubigen in ihren Kirchen die Auferstehung Jesu feierten, wollten Andere sie schlimmstmöglich verletzen.

Gebrochen.
Neukölln, 2019.
Wenn ich mir beides, die Geschichte des Apostels Thomas und die Bilder aus Sri Lanka, vor Augen halte, dann kann ich außer den Wunden jedoch keine Gemeinsamkeiten erkennen.

Jesus zeigt seine Verletzungen und die Jünger erkennen daran, dass der Auferstandene derselbe ist wie der, den sie am Kreuz haben sterben sehen.
Wenn wir die Verletzten und die Toten von Sri Lanka sehen, erkennen die meisten wohl nur die blinde Wut und die barbarische Gewalt der Attentäter.
Religion zeigt sich hier als ein zutiefst ambivalentes Phänomen – äußerste Verletzlichkeit auf der einen und äußerste Gewalt auf der anderen Seite.
Das finde ich sehr verstörend.

Thomas will die Wunden sehen (v25). Ich kann die vielen Bilder von Blut und Tränen, von Leid und Terror nicht mehr sehen.

Für Thomas werden die Wunden zu Zeichen des Glaubens an die Wirklichkeit der Auferstehung (v27f).
Mir geht es eher wie Thomas vor seiner Begegnung mit Jesus:
Angesichts von Terror und Hass kann ich nichts erkennen,
- was viel Hoffnung auf ein friedliches Miteinander der Religionen weckt (auch wenn ich weiß, dass dieser Hass nicht alles ist);
- was in mir den Glauben an einen allmächtigen Gott stärkt (auch wenn ich bekenne, dass er größer ist als Leid und Tod);
- was Liebe zu den Menschen wachsen lässt, die einander so etwas antun können (auch wenn ich weiß, dass sie einander auch viel Gutes tun).

Zu Ostern will ich doch fröhliche Menschen sehen: strahlende Kinderaugen, Schokoladenmünder, Menschen, die die Sonne genießen.

Aber Gott mutet uns eben viel zu – nicht nur den Blick auf seine eigenen Verletzungen, sondern auch auf die Verletzungen der Welt.
Ostern zu feiern bedeutet eben nicht, dass alles Leid vorbei ist, sondern dass Gott bei den Verwundeten ist (auch wenn selbst das oft schwer zu glauben ist).

2. Es ist wichtig, seine Wunden zu zeigen
Ein weiterer Gedanke zum Thema Wunden:
Wenn Jesus den Jüngern "seine Hände und seine Seite" (v20) zeigt, dann tut er damit etwas, was auf der einen Seite gar nicht selbstverständlich, auf der anderen Seite aber sehr wichtig ist.
Er zeigt seine Wunden und auf diese Weise seine Verletzlichkeit.

Denn auch als Auferstandenen, der längst in einem neuen Leben bei Gott ist, prägen Jesus die Wunden seines alten Lebens.
Das macht ihn bei allem überirdisch Erstaunlichen dieser Osterberichte sehr menschlich:
Wunden und Verletzungen gehören zu uns Menschen dazu.
Auch wenn Sie diese Haftanstalt einmal verlassen und ein neues Leben anfangen, werden sie einige Verwundungen noch mit sich herumtragen – seien es solche, die sie hier in der Haft erleiden mussten, seien es solche aus ihrem früheren Leben.

Gebrochen 2.
Wald auf Usedom, 2019.
Und ich glaube, jeder Mensch braucht einen Anderen, dem er seine Wunden zeigen kann.
Einen, bei dem ich ganz ich selbst sein kann, von dem ich ganz angenommen bin, trotz all meiner Macken und all meiner Verletzungen, die mein Handeln prägen. 

Das kostet Überwindung, aber nur, wenn ich meine Wunden zeigen kann, verstehen andere wirklich, wer ich bin.

Zwei Beispiele:
Wer in der Zeit der Wende im Osten Deutschlands gelebt hat und gmerkt hat, wie die eigene Ausbildung, das Studium, die Ersparnisse, die Leistung plötzlich nichts mehr zählt, für den kann das eine ungeheure Wunde sein. Wie soll jemand staatlichen Strukturen oder einer Gesellschaft noch vertrauen, wenn er einmal erlebt hat, wie zerbrechlich solche Gebilde sind?
Diese Verwundung kann dann zu einer Quelle für Aggression oder Misstrauen werden, wenn niemand anerkennt, dass hier jemand verwundet und in seinen Wunden nicht versorgt wurde.
Werden die Wunden aber als solche gesehen, dann lassen sie sich auch eher heilen.

Oder: Wer in seiner Kindheit erleben musste, dass die Eltern sich trennen oder nicht verlässlich da sind, der kann dadurch sehr stark verwundet werden in seiner Fähigkeit, Menschen zu vertrauen. Können sie doch auch plötzlich verschwinden, so wie das Kind, unfähig, eine solche Situation emotional ganz zu erfassen, es erleben musste.
Wer diese Wunde nicht aussprechen und zeigen kann, wird wohl kaum verstanden werden in seinen Problemen, sich auf andere Menschen einzulassen.

Es ließen sich noch viele andere Beispiele für Wunden finden, um die zu wissen wichtig ist, damit jemand sich selbst verstehen kann und damit auch andere verstehen, wer jemand ist.

Wahrscheinlich ist die Haft jedoch kein guter Ort, die eigenen Verletzungen zu zeigen. Denn man macht sich dadurch auch sehr verletzlich – und das muss in diesem System nicht auch noch sein.
Aber vielleicht gibt es für Sie einen guten Freund oder eine Freundin außerhalb dieser Mauern, vielleicht gibt es jemanden in der Familie, vielleicht ist auch Ihre Frau solch ein Mensch, der Ihre Wunden kennen darf...

Jesus jedenfalls zeigt mit seinen Wunden, dass er kein Superman ist und kein Wolverine, dessen Wunden wundersam schnell wieder verheilen, sondern dass er sich – als der Sohn Gottes! – verletzen lässt und dass wir mit unseren Wunden vertrauensvoll zu ihm kommen können. 

Nur die Wunden, die wir ihn sehen lassen, kann er auch heilen.

3. Die Wunden machen Jesus glaubwürdig
Thomas erkennt an den Wunden, dass der Auferstandene wirklich der ist, der zuvor gelitten hat und gestorben ist. So werden die Wunden Jesu zu einer Art Beweis der Auferstehung.

Es gibt Menschen, die zeigen ihre Wunden nur deshalb, um damit ihre Stärke oder ihre Bereitschaft zum Kampf sichtbar machen. Um also damit anzugeben und sich hervorzutun.

Darum geht es Jesus nicht – seine Wunden sind nicht Zeichen von physischer Stärke und aggressivem Verhalten, sondern zeugen von seiner Liebe. Aus Liebe ist er durch das Leiden und die Verlassenheit hindurchgegangen, aus Liebe hat er am Kreuz gelitten.
Darum ist es wichtig, dass er derselbe ist, wie der, der jetzt vor Thomas steht, durch seine Wunden beglaubigt. Denn so kann Thomas erkennen, dass die Liebe den Tod wirklich überwindet.

Glaubwürdiger?
Ruine in Müllrose, 2017.
Doch so wie Thomas daran zweifelt, ob diese Erscheinung seiner Freunde wirklich Jesus war, werden sich auch bei Ihnen nach der Entlassung viele Menschen fragen: Ist der echt? Hat der wirklich ein neues Leben angefangen oder tut er nur so?
Glaubwürdig werden Sie eher, wenn sie die Wunden nicht verdecken und verbergen – wie zum Beispiel die Haftzeit, sondern wenn Sie zu ihren Schwächen stehen, auch wenn das Rückschläge in manchen Beziehungen bedeuten wird und nicht jeder an das neue Leben, an Ihren Willen zum Guten in Ihnen glauben kann.

Kurz gesagt: Wer seine Wunden zeigen kann, vertraut dem Gegenüber. Wer verwundet ist, ist echt.
Und: Wer verwundet ist, dem kann man eher glauben als jemandem, der so tut als könnte ihm die ganze Welt nichts anhaben.

So lade ich Sie jetzt in einem Moment der Stille ein, sich mit ihren Verwundungen und Schmerzen vor Gott zu stellen und seinen liebevollen Blick zu spüren. Stehen Sie zu Ihren Verletzungen. Er möchte Sie heilen.