Manchmal erlebe ich unter muslimischen
Inhaftierten Diskussionen dieser Art: Wann ist jemand ein echter Muslim? Wenn er kein Schweinefleisch isst? Wenn er fünfmal am Tag
betet? Wenn er im Ramadan fastet? Wenn er den Koran wörtlich
versteht?
Freitag, 17. Mai 2019
Dienstag, 14. Mai 2019
Lektionen voll undifferenzierter Hybris. Unzufriedenheit nach einem Buch von Y. N. Harari
Alle lesen ihn, alle reden
von ihm – also dachte ich vor einigen Monaten, dass ich doch auch
mal so ein Buch von Yuval Noah Harari lesen müsste. Da fiel mir in
der Öffentlichen Bibliothek "21 Lektionen für das 21.
Jahrhundert"1
in die Hände. Und ich nahm an, nun könnte ich eine Bildungslücke
stopfen.
Denn wenn es um die großen
Fragen unserer Zeit, also um Krieg und Frieden, Gerechtigkeit,
Technologie, Digitalisierung, Migration, Terrorismus etc. geht, kann
ich mir hier, so meine Hoffnung, sicher einen guten Einblick
verschaffen.
Aber ich wurde schwer
enttäuscht. Und ich schreibe hier im Normalfall positiv-kritisch,
über Dinge, die mir gefallen und die ich empfehlen will. Nur ist
hier eine Ausnahme angebracht.
Samstag, 11. Mai 2019
Christus ist mitten unter uns – Zur Theologie des Gottesdienstes
Gott will bei den Menschen
sein – das ist der Kern des Christentums.
Es ist der Kern von
Weihnachten, wenn wir feiern, dass Gottes Wort ein Mensch wird.
Es ist der Kern des
Osterfestes, wenn wir feiern, dass Jesus über den Tod hinaus bei den
Seinen ist.
Es ist der Kern von
Pfingsten, wenn wir feiern, dass Gott im Heiligen Geist bei uns
bleibt.
Immerzu feiert die
Christenheit Gottes Gegenwart unter den Menschen.
Es ist auch der Kern
unseres Gottesdienstes.
Heute sollen darum ein
paar Gedanken zur Feier unserer Gottesdienste als Predigt dienen.
1. Versammlung
Das, womit der
Gottesdienst beginnt, ist kein Wort, ist kein Lied, ist kein Zeichen.
Das Erste ist, dass wir
zusammenkommen.
Denn wir können zwar auch
jeder allein für sich beten, doch am Sonntag kommen wir zusammen.
Wir stehen dann nicht allein vor Gott, sondern als Gemeinde.
| Versammelt und vorbereitet. Erkner, 2018. |
Sie sind hier, im
Gottesdienstraum der JVA Plötzensee, die versammelte Gemeinde Gottes
an diesem Sonntag. Ob Sie nun getauft sind oder nicht, ob Sie glauben
oder nicht, ob Sie katholisch sind oder evangelisch oder orthodox –
Sie haben sich zum Gottesdienst versammelt.
Weshalb Sie genau gekommen
sind, ist deshalb auch gar nicht so wichtig – wichtig ist, dass wir
uns heute hier versammelt haben.
Denn Gott meint und ruft
zwar jeden einzeln und persönlich, und wir können auch einzeln und
persönlich mit ihm in Kontakt kommen, aber darüber hinaus ruft er
uns zur Gemeinschaft. Wir sollen nicht allein bleiben.
Vielmehr will Gott die
Menschen zusammenrufen, er will in ihrer Mitte wohnen, er will, wie
es die Osterberichte zeigen, in ihre Gemeinschaft kommen und
Gemeinschaft unter uns Menschen stiften.
Und wenn wir uns
versammelt haben, dann können wir uns auch unter ein gemeinsames
Zeichen stellen. Für uns Christen ist es das Kreuzzeichen – das
Zeichen, das uns verbindet und zeigt, dass wir zu Jesus Christus
stehen, der sich aus Liebe für die Menschen hat kreuzigen lassen.
Unter diesem Zeichen haben
wir uns versammelt.
Wir bleiben nicht allein,
weil wir mit den Anderen zusammen hier stehen. Und wir bleiben nicht
allein, weil Gott dann selbst zu uns kommen will.
2. Sich selbst vor Gott
bringen
Wenn wir uns versammeln,
dann kommt jeder anders in diesen Raum. Der eine hat gut geschlafen,
der andere nur mit schweren Medikamenten, einer schaut auf die
Lockerung, die hoffentlich bald kommt, ein anderer macht sich Sorgen
um die Familie draußen, einer musste gerade noch einen Konflikt auf
der Piste austragen, ein anderer konnte in Ruhe den Tag beginnen...
Wir kommen mit
unterschiedlichen Gefühlen und Erfahrungen, mit unterschiedlichen
Hoffnungen und Ängsten. Und all das können wir mitbringen in diesen
Gottesdienst.
Wer sich am Beginn des
Gottesdienstes etwas Zeit nimmt und in Stille vor Gott tritt, der
sammelt sich sozusagen selbst ein und legt all das, was er ist und
hat, vor Gott hin.
All das, was in einem
Leben misslungen ist, was zerbrochen ist, was steckengeblieben ist,
aber auch das, was gelungen ist, was leuchtet und glänzt, was nur so
schnurrt, kann dann beim Gottesdienst dabei sein.
Jeder ist gerufen, als
ganzer Mensch in der Gegenwart da zu sein. Denn nur wenn wir ganz da
sind, kann auch Gott ganz bei uns sein – wenn wir verstreut und mit
vielen anderen Dingen beschäftigt sind, werden wir auch Gottes
Gegenwart nicht bemerken. (Das gilt natürlich nicht nur für den
Gottesdienst, sondern auch sonst...)
3. Lobgesang und Gebet
In dieser gesammelten
Gegenwart kommen wir natürlich auch zu Gesang und Gebet zusammen.
Wir wenden uns Gott zu und
nehmen Kontakt mit ihm auf. So tasten wir über uns hinaus und
hoffen, dass da jemand ist, der uns hört.
Besonders intensiv kann
dieses Gebet werden, wenn es gesungen wird. Nicht nur ein Stammeln
und Verhaspeln, sondern der Versuch, Gott mit Klang und Stimme zu
erreichen.
Zwar könnten wir auch
aussprechen, was uns wichtig ist, aber wenn wir singen, dann klingt
es im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal völlig anders.
Denn der Ton macht, wie
man so sagt, die Musik. Und er macht eben auch das Gebet.
Wenn wir die Stimme
erheben, dann gehen wir über uns hinaus – wir strengen uns an, wir
bringen unser Anliegen zum Klingen, wir bringen es festlicher und
feierlicher vor.
| Boden. Auch bereitet. Sonnenallee, Berlin, 2019. |
Schließlich kann uns der
Gesang auch in meditative Stimmung versetzen – wie das bei den
Troparien oder dem Trishagion der byzantinischen Liturgie in der
Ostkirche der Fall ist, oder auch bei den vielmals wiederholten
Gesängen in Taizé.
Deshalb singen wir immer
wieder während des Gottesdienstes – es ist das gemeinsame Gebet,
ist ein Einstimmen in das Gebet der vielen Mitfeiernden – und, wie
wiederum in der Ostkirche stark betont wird, es ist ein Mitsingen mit
den Chören der Engel im Himmel. Vielleicht klingt es nicht so
himmlisch, aber wir dürfen uns einklinken und darauf vertrauen, dass
wir in einem gewaltigen Chor mitsingen und Gott loben.
4 Hören und Bekennen
Stille und Besinnung
gehören also in den Gottesdienst ebenso wie Gesang und Gebet.
Aber nun kommt ein
weiterer Punkt, den viele mit Kirche besonders stark assoziieren: das
Hören.
Und natürlich sind es die
Lesungen aus der Heiligen Schrift, die im Zentrum stehen, wenn es um
das Hören geht. Wenn wir aus den Schriften der Bibel vorgelesen
bekommen, dann wird eine Verbindung hergestellt zwischen uns und den
damals Lebenden mit ihren Gotteserfahrungen. Das, was damals eine
Bedeutung hatte, kann es auch für uns haben.
Denn wir glauben:
Christus ist in seinem
Wort mitten unter uns.
In diesem Sinne wurde die
Bibel auch als eine Art Brief Gottes an den Lesenden oder Hörenden
bezeichnet. Denn so wie ein Briefschreiber in dem anwesend ist, was
er ganz persönlich einem anderen schreibt, so ist auch Gott
anwesend, wenn wir biblische Lesungen hören.
Und noch mehr: Gott
schenkt sich uns in seinem Wort.
Denn beim Hören können wir uns darauf verlassen, dass er uns meint und uns
aufrichten oder aufrütteln, trösten oder ermahnen will. Dass er uns
einlädt, uns ansprechen zu lassen und verwandelt zu werden.
Gott schenkt sich auch in
Brot und Wein. Das ist sozusagen die handfeste Variante. Wo er
einsteht für das, was er uns im Wort verspricht. Die Verwirklichung
des Wortes in Fleisch und Blut.
Das können wir hier nicht
in dieser Form feiern.
Aber beides – Gottes
Anwesenheit im Wort und seine Anwesenheit im Mahl – soll uns
verwandeln.
Dann können wir antworten
auf dieses Wort, das Gott uns an diesem Tag gesagt hat.
Klassischerweise kommt
nach der Auslegung der Lesungen (also der Predigt) deshalb das
Glaubensbekenntnis. Das Bekenntnis ist sozusagen die bestätigende
Antwort auf das, was Gott durch die Bibel zu den Feiernden sagt.
5 Versöhnung
Ein weiteres Element des
Gottesdienstes ist die Versöhnung, der Friedensgruß.
Dazu lädt Gott uns ein:
Dass wir uns mit einander und mit ihm versöhnen.
Es geht also wiederum
nicht nur um Gott und mich allein, sondern darum, dass wir mit den
Menschen um uns in ein besseres Verhältnis kommen.
In einem Gottesdienst wird
dann nicht ausdiskutiert, was schief gelaufen ist, man wird nicht
anklagen und verteidigen oder bitterlich um Verzeihung bitten. Aber
man kann ein Zeichen setzen.
Es ist ein Zeichen des
guten Willens, eine Geste. Wir reichen einander die Hand.
Man könnte sagen: NUR
eine Geste, NUR ein Zeichen. Man kann aber auch sagen: Immerhin ein
Zeichen, immerhin ein Anfang.
Und tatsächlich bitten
wir Gott ja um den Frieden, wir hoffen auf Kraft für einen neuen
Anfang mit denen, die um uns herum sind. Schließlich hoffen wir,
dass wir diesen Frieden auch ausbreiten können.
Damit erbitten wir
eigentlich eine Aufgabe von Gott. Er soll uns seinen Frieden geben,
damit wir friedliche Menschen werden.
Ob das nun jemandem im
Gottesdienst Kraft gibt – oder ob es vielmehr Kraft kostet, das ist
eine interessante Frage, die ich an anderer Stelle gern noch einmal
näher betrachten will.
Im weiteren Sinne ist das
sogar eine politische Aufgabe. Der Frieden, den wir im Gottesdienst
nur in der Geste des Friedensgrußes weitergeben, soll außerhalb des
Gottesdienstes unser Leben bestimmen.
Nicht dass das oft
geklappt hätte in der Geschichte der Kirche: Aber immerhin ist
dieser Wunsch des Friedens eines der durchgehenden Worte, die der
auferstandene Jesus in vielen Erscheinungsgeschichten sagt. Es
scheint damals genauso wie heute nötig gewesen zu sein, Frieden
zu empfangen und Frieden weiterzugeben.
![]() |
| Was sonst? Moabit, Berlin, 2016. |
6 Für Andere bitten
An den Friedensgruß
schließen sich bei uns die Bitten an.
Versöhnt mit Gott und den
Menschen können wir das vorbringen, was uns auf dem Herzen liegt.
Sicher sind das in vielen
Fällen Anliegen, die uns betreffen oder jene, mit denen wir eng
verbunden sind.
Aber die Bitten sind auch
ein Moment im Gottesdienst, wo sich die Gemeinde, wo sich die
einzelne Person öffnen kann für Dinge, die sonst außerhalb des
eigenen Horizonts liegen.
Auch alle anderen werden nun mit in den Blick genommen, besonders die Notleidenden, die Schwachen,
diejenigen, die nicht glauben können oder die bei allen anderen
hinten runterfallen.
Ich persönlich finde es
deshalb sehr schön, wenn in Gemeindegottesdiensten bisweilen auch an
jene erinnert werden, die im Gefängnis sitzen. Wer denkt sonst schon
in dieser Weise an Sie – außer Ihren Angehörigen?
Und auch Sie können hier
an jene denken, die sonst vergessen werden. Oder an die, die unsere
Bitten besonders nötig haben.
Hinter der Bitte steht die
Einsicht, dass wir nicht alles selber schaffen.
So wenden wir uns an
jemandem, dem wir zutrauen, dass unser Anliegen bei ihm gut
aufgehoben ist.
Wenn wir unsere Bitte vor
Gott formulieren, vertrauen wir ihm diese Sache oder diese Person an.
Weil wir ihn gegenwärtig glauben, legen wir ihm das vor, was uns
bewegt.
Damit geben wir Sorge und Angst aus der Hand, damit sie uns nicht mehr so
stark bedrängen wie vielleicht zuvor.
Am Rande sei erwähnt:
Eine Hochform des Bittgebets stellt das Vaterunser dar. Und hier
fällt auf, dass die Hälfte der Bitten sich auf etwas beziehen, das
eigentlich Gott betrifft – „geheiligt werde Dein Name, Dein Reich
komme, Dein Wille geschehe." In diesen Formulierungen zeigt sich,
dass das klassische Bittgebet nicht um sich selbst und die eigene
kleine Welt kreist, sondern sich öffnet für Andere.
7. Sendung
Am
Schluss steht schließlich die Sendung.
Nichts
anderes nämlich ist der Segen: Er ist das Ausgesendetwerden in die
Welt, damit das, was im Gottesdienst an uns geschehen ist, auch eine
Auswirkung in unserem Alltag und unseren Beziehungen hat.
Gott
wollte uns bestärken und ausrichten, trösten und halten, damit wir
nun in seinem Sinne leben und handeln können.
Der
Segen ist ein Auftrag. Und er steht unter demselben Zeichen wie der
Beginn des Gottesdienstes: Wir werden unter dem Zeichen des Kreuzes
in die Welt gesandt: Liebe bedeutet Schwachheit, aber Liebe
überwindet vieles, was wir mit Gewalt und Willen nicht erreichen
können. Liebe ist stärker als Leid und Tod.
Der
Segen verheißt uns, dass wir Gottes Gegenwart auch dort entdecken
können, dort in der Welt, wo unser Alltag ist. Dort, wo Leid und
Ärger, Tod und Abschied, Trauer und Angst und Versagen sind.
So werden wir gesandt als Gesammelte, als Hörende, als Lobende, als
Bekennende und nicht zuletzt als Boten des Friedens. Und hoffentlich auch als Verwandelte und Erneuerte, obwohl wir doch zu oft die Alten
bleiben.
--
Mehr zu Eucharistie und Wortgottesdienst hier, mehr zum Liturgieablauf hier, mehr zur Hirtenthematik des Sonntags hier und hier, mehr zum Muttertag hier.
--
Mehr zu Eucharistie und Wortgottesdienst hier, mehr zum Liturgieablauf hier, mehr zur Hirtenthematik des Sonntags hier und hier, mehr zum Muttertag hier.
| Erneuerung. Kirche in Niedergrunstedt, 2017. |
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Mittwoch, 8. Mai 2019
"Bin ich das gewesen?" Arno Geiger und die Ambivalenzen des Kriegsendes
In Arno Geigers letztem Roman verbringt
der österreichische Soldat Veit den größten Teil des Zweiten
Weltkriegs auf dem Land im Salzkammergut. Dort lebt er "Unter
der Drachenwand" (so der Buchtitel) und unter der ständigen
Angst, doch noch für verwendungsfähig erklärt und erneut
eingezogen zu werden.
Während einer Diskussion mit seinem in
der Ortsverwaltung eingesetzten Onkel versucht er in einem kritischen
Ausfall sich vom fernen Krieg innerlich zu distanzieren. Aber der
Onkel steht dagegen – und schließlich gibt Veit zu:
Samstag, 4. Mai 2019
Jesus lieben. Überforderung oder Einladung?
Wie oft hat mich diese
Frage überfordert!
"Liebst du mich
mehr als diese?" (Joh 21,15)
Wann immer ich in
der Vergangenheit bei Schriftbetrachtungen oder Exerzitien mit dieser
Frage Jesu an Petrus aus dem heutigen Sonntagsevangelium
(Joh 21,1-19) konfrontiert war, fühlte ich mich in der Pflicht. Damals, als
Seminarist oder Ordensmann, hatte ich das Bedürfnis, ebenso wie
Petrus antworten zu können. Und hinter dem Bedürfnis stand ein
unausgesprochener Druck, genauso müsse es sein – wenn ich Jesus
folgen will, dann muss ich auf die Frage nach der Liebe auch
antworten können wie der Erste der Apostel: "Ja,
Herr, du weißt, dass ich dich liebe."
(Joh 21,15)
Donnerstag, 2. Mai 2019
Vom Kern des Auferstehungsglaubens – Kurz gefasst von Medard Kehl
Alle paar Jahre wieder wird berichtet,
wie schwer sich deutsche Christen mit dem Glauben an die Auferstehung
und ein Leben über das irdische Leben hinaus tun.
Gerade in der Osterzeit ist das ein
besorgniserregender Befund.
Begründet ist die Skepsis vieler
Getaufter zum Einen mit dem um sich greifenden naturalistischen
Weltbild, das sich als metaphysikfreie Welterklärung ohne Himmel
anbietet. Dazu habe ich an anderer Stelle die spannenden Überlegungen
von Holm
Tetens angedeutet.
Zum Anderen versteht sich ein solcher
Unglaube immer noch und immer wieder als Aufstand gegen die mythische
Sprache von Bibel und Tradition.
Samstag, 27. April 2019
Evangelium der Wunden. Blicke auf Jesus, uns selbst und die Welt
Das Evangelium
des Sonntags (Joh 20,19-31) handelt von Wunden. Und davon, dass
die Wunden zu sehen sind.
1. Gott mutet uns die
Wunden der Welt zu
Die Geschichte vom
Auferstandenen, der sich den Jüngern mit seinen Wunden präsentiert,
passt damit leider nur zu gut in unsere Zeit.
Denn am Ostersonntag mussten wir die Bilder von den Anschlägen in Sri Lanka mit den vielen hundert Toten und Verletzten sehen. Während die Gläubigen in ihren Kirchen die Auferstehung Jesu feierten, wollten Andere sie schlimmstmöglich verletzen.
Freitag, 26. April 2019
Ein neues Leben für Annie Ernaux. Von Ostern und sozialem Aufstieg
Passend zur Osterwoche
habe ich gerade das Buch "Der Platz"1
von Annie Ernaux gelesen. Es passt deshalb zu Ostern, weil die
Autorin in diesem schmalen Bändchen die wachsende Kluft zwischen
sich selbst und ihrer Herkunft, vor allem die soziale Distanz zu
ihrem Vater thematisiert.
Anders gesagt: Sie ist
eingetaucht in ein neues Leben und hat dabei jene zurückgelassen,
mit denen sie so lang unterwegs war.
Das ist für beide Seiten
nicht leicht und vielleicht wirft manche der geschilderten
Erfahrungen ein Streiflicht auf die Beziehung des auferstandenen
Jesus zu seinen Jüngern.
Dienstag, 23. April 2019
„Geburt des Morgens“ - Österliche Natur bei Andreas Knapp
In der Natur zeigen sich gerade im
Frühjahr Andeutungen und Zeichen dessen, was wir als Christen unter
Auferstehung und neuem Leben verstehen1
– kein Wunder, dass Ostern in der Blüte des Jahres gefeiert wird.
In seinem Gedichtband „Beim
Anblick eines Grashalms“ hat Andreas Knapp „Naturgedichte“
versammelt, die oftmals mehr oder weniger deutlich eine spirituelle
Lesart enthalten.
So auch hier2:
der letzte Stern
gibt der Amsel den Einsatz
im Crescendo des Lichts
wächst die Erwartung des neuen
Tages
der erste Sonnenstrahl
bricht sich in den Nachttränen
tausendfaches Aufblitzen im Tau
als habe sich der Sternenhimmel
in den Grashalmen verfangen
alle Farben werden neu erfunden
ein Atemzug Ahnung
vom ersten Schöpfungstag
Was mich sofort anspricht: das Bild der
neu erfundenen Farben.
So verstehe ich Auferstehung sofort:
Neues Leben bedeutet neue Farben.
Das sind zunächst einmal Negierungen:
Nicht matt, nicht altbekannt, nicht verblasst, nicht schwarz-weiß,
nicht althergebracht, nicht rosig, nicht von früher übernommen,
nicht grau, nicht wiederholt.
Sondern: neu.
Alles wird neu, denn Auferstehung ist
eine Neuschöpfung. Daran erinnern die letzten Zeilen: Ahnung der
Frische des Urzustands.
Was wir bisher gesehen haben, ist nicht
vergleichbar mit dem Neuen. Unsere Kategorien greifen nicht mehr, die
Augen können nicht fassen, was Auferstehung von Gott her meint,
nämlich das gänzlich Neue für uns: neue Farben, ein neuer Morgen,
neue Schöpfung, neue Lebendigkeit.
1 Siehe
dagegen aber auch: Die
Auferstehung ist kein Schmetterling.
2 A.
Knapp, Beim Anblick eines Grashalms. Naturgedichte. Würzburg 2017,
78.
Sonntag, 21. April 2019
Ostern – Rückkehr mit Umkehr. Predigtgedanken zu Maria Magdalena
1. Zurückkehren ohne
Tröstung
Am Ostermorgen ist Maria
von Magdala zum Grab zurückgekehrt (Joh 20,1.11-18). Im Schutz der
Dunkelheit kam sie und wollte beim Grab allein um ihren Meister
trauern. Da sah sie, dass der Stein fortgerollt war. Sie weint, weil
sie nun auch den Leichnam verloren meint und mit ihm die letzte
fassbare Spur Jesu.
Ich glaube, das ist
vergleichbar mit der Erfahrung, die viele Menschen kennen, wenn sie
sich neu auf die Suche nach Sinn, nach irgendeiner Bedeutung im
Leben, vielleicht sogar nach Gott oder nach Religion machen:
Nachdem eine Zeitlang
Funkstille herrschte und kein Kontakt mit religiösen Fragen
vorhanden war, kommt diese Frage irgendwann wieder.
Samstag, 20. April 2019
Karsamstag: Blick in den Abgrund mit Andrea Mantegna
Die aktuelle Ausstellung "Mantegna
und Bellini – Meister der Renaissance" in der Berliner
Gemäldegalerie zeigt einige eindrucksvolle Karsamstagsbilder. Unter
dem Titel "Der Abstieg Christi in die Vorhölle" hat
Andrea Mantegna ein bemerkenswertes Motiv kreiert und in vielen
Variationen ausgeführt, das der heute gängigen Betonung der
karsamstäglichen Grabesruhe entgegensteht.
Vielmehr zeigt der oberitalienische
Künstler, was die theologische Spekulation hinter den Kulissen des
Todes vermutet: Christus steigt zu den Toten hinunter. Er, der am
Karfreitag als Mensch gestorben war, hat nun die erlösende Aufgabe,
zu all den anderen Toten hinunterzusteigen und sie teilhaben zu
lassen an der kommenden Auferstehung.
Freitag, 19. April 2019
Karfreitag – Zweimal berührt. Bildbetrachtungen
Liebe will den Anderen berühren. Hass
leider auch.
Am Karfreitag treffen sich beide Formen
körperlicher Berührung auf intensivste Weise. Sie machen besonders
deutlich, was Passion alles heißen kann: passiv, erleidend,
zulassend...
Zuerst bei der Kreuzigung.
Donnerstag, 18. April 2019
Gründonnerstag – Selbsteinsatz mit Berührung
Um das Geschehen von
Ostern und besonders das Mahl zu verstehen, das Jesus am Abend vor
seinem Tod mit seinen Jüngern feiert, ist es gut, auf die
zusätzliche Handlung Jesu zu schauen, die nur bei Johannes
überliefert wird.
Dort steht im Zentrum des
Zusammenseins, dass Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht.
1
Das ist jene Tätigkeit,
die sonst dem Hauspersonal, in reichen römischen Häusern der
damaligen Zeit also den Sklaven zukam. Und diesen Platz des Sklaven
nimmt nun Jesus ein.
Er dient seinen Jüngern –
jenen, die ihm hinterhergingen, weil sie in ihm etwas Besonderes,
einen Propheten oder Wundertäter oder sogar den Sohn Gottes sahen.
Durch Jesu Rollenwechsel
werden sie selbst nun zu etwas Besonderem, zu Auserwählten, denen
sich dieser besondere Mann zuwendet.
| Zergehender Weihrauch. Grünheide, 2019 |
Er macht sich selbst
klein, um zu zeigen, wie Gott sich den Menschen nähert: er kommt
ihnen nahe als einer, der sie bedient und sie dadurch groß macht.
Indem er sich selbst zu einem Sklaven macht.
Und genau das ist auch der
Kern des Mahles.
Es mag beim Letzten
Abendmahl in gewisser Weise auch darum gehen, dass Jesus sich mit
allen an einen Tisch gesetzt hat, auch mit den Sündern, dass sie
miteinander gegessen und getrunken haben und dass sie teilen.
Das Wichtigste aber
ist, dass Jesus sich auch hier selbst einsetzt. Durch Mahl und
Fußwaschung deutet er seinen bevorstehenden Tod. Denn im Mahl
reicht er ihnen nicht irgendetwas, sondern er verspricht, dass er
sich ihnen künftig in Brot und Wein selbst reicht: "Das
ist mein Leib für euch." (1Kor
11,24)
Darin liegt auch der Kern von Ostern: Gott
schenkt uns in seinem Sohn sein Leben.
2
Das hat Konsequenzen für das Leben der
Christen, besonders für das Leben derer, die Jesu Botschaft
weitertragen wollen, also für die Seelsorger, die Priester, Diakone,
Ordensschwestern, Bischöfe, Päpste...
"Wenn nun ich, der Herr und
Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr
einander die Füße waschen", betont Jesus im Anschluss an
sein ungewöhnliches Tun (Joh 13,14).
Das kann man nun wortwörtlich nehmen,
wie heute am Gründonnerstag.
Man kann und sollte es aber vor allem
in einem weiteren Sinne verstehen – und zwar jeden Tag.
Einander die Füße zu waschen heißt
dann, sich vor dem Anderen nicht aufzuplustern, sondern ihm gut zu
tun; sich nicht bedienen zu lassen, sondern selbst zu helfen und zu
dienen; nicht fromm zu reden, sondern hilfreich zur Seite zu stehen.
Dazu gehören Realismus und
Selbstüberwindung: Jesus wusste, dass seine Jünger ganz normale
Menschen mit Schwächen und Ängsten, Fehlern und Macken waren. Und
er hat sich trotzdem vor sie hingekniet und ihre staubigen Füße
gewaschen. Es war ihm in diesem Moment nicht wichtig, dass sie ihn
nur halbwegs verstanden, wenn er vom Reich Gottes sprach oder von
sich selbst, dass sie ihn enttäuschten, wenn er sie brauchte, dass
sie am Ende sogar verängstigt weglaufen würden.
Er will ihnen trotzdem Gutes, setzt
sich für sie ein, zeigt ihnen seine Bereitschaft, für sie da zu
sein, kurz: wäscht ihnen trotzdem die Füße.
Für uns ist klar: Das ist im Alltag
schwer zu verwirklichen. Einmal im Jahr jemandem die Füße zu
waschen, ist dagegen leicht. Einmal im Jahr eine Karte schreiben, ein
Geschenk besorgen oder anrufen, das ist kein Problem. Aber alltäglich
für jemanden da zu sein mit seinem ganzen Leben, ist eine echte
Herausforderung. Um diese Herausforderung geht es.
| Berührend. Pflanze an Kosmetikregal, Linum, 2019. |
3
Und im Alltag geht es um Berührung.
Wenn Menschen, die wenig mit Religion
zu tun haben, sich Gedanken machen, was es heißt, religiös zu sein,
dann geht es oft darum, ob man dies oder jenes wirklich glauben kann,
ob man dies oder jenes nicht zu anstrengend finden würde und so
weiter.
Entscheidend ist jedoch nicht die
Theorie, entscheidend ist, die Praxis, also ob wir uns berühren
lassen.
Anders gesagt: Jesus quatscht nicht
nur, sondern er berührt seine Jünger.
Auch dies ist wieder doppelt zu
verstehen, im wörtlichen und im übertragenen Sinn.
Körperliche Berührung ist eine
menschliche Grunderfahrung, die wir als Erwachsene jedoch manchmal,
besonders in Situationen wie einer Haft, beiseite schieben (müssen).
Nicht jeder darf mich anfassen, nicht von jedem möchte ich berührt
werden.
Jesus berührt seine Jünger dort, wo
sie einerseits festen Stand in ihrem Leben fassen, wo sie
andererseits vorwärtskommen in der Welt. Eben an den Füßen.
Im übertragenen Sinn: Lasse ich mich
von Gott berühren, lasse ich ihn an mein Herz? Lasse ich ihn an
meine Fundamente? Lasse ich ihn dort ran und mir helfen, wo ich
festen Stand brauche? Lasse ich ihn an die Pläne, wie ich in meinem
Leben fortkommen möchte?
Wenn ich zulasse, dass Gott mich
berührt, dann werde ich auch bereit, mir sein Leben schenken zu
lassen. Dann werde ich selbst bereiter, mich praktisch für Andere
einzusetzen.
Samstag, 13. April 2019
Palmsonntag - Gedanken aus der Menge
Ein Jünger, der mit Jesus in die Stadt einzieht (J)
Ein Pharisäer, der schon seine Meinung zu Jesus hat (P)
Ein Mensch in der Menge, der mal schauen will (M)
J: Wow, wie die Leute UNS zujubeln!
P: Da vorne ist er also, der Hampelmann, so sehe ich ihn jetzt auch endlich mal!
M: Wer ist das? Lasst mich doch mal durch, ich sehe überhaupt nichts!
Mittwoch, 10. April 2019
Freiheitsgewinn 4 – "Die Welt wird besser, wenn wir miteinander reden" von Alex
Es gibt im Gefängnis einige junge
Männer, die ich immer wieder treffe.
Sie tauchen alle paar Monate für
einige Zeit im Knast auf, meist wegen Beschaffungskriminalität.
Ich habe den Eindruck, dass nicht
wenige von ihnen draußen mit der Freiheit überfordert sind, aber
drinnen, in der Unfreiheit der Knastwelt, können sie ebensowenig
leben.
Ob es für diese jungen Männer einen
Platz gibt, an dem sie auf Dauer glücklich werden können – ich
weiß es nicht.
Außerhalb der Gefängnismauern warten
die Drogen und das dazugehörige Milieu, die mit aller Macht an ihnen
ziehen, auch weil da einfach keine anderen Dinge sind, die Farbe in
ihr Leben bringen könnten. Oft ohne einen Schulabschluss und
Ausbildung, selten mit guter Bindung zur Familie, werden sie kaum
einen Fuß auf den Boden bekommen.
In Haft wiederum fühlen sie sich
(nicht ohne Grund) gegängelt und verfangen sich auf Schritt und
Tritt in Restriktionen, sobald sie nur den Mund aufmachen.
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