Samstag, 23. Dezember 2017

KinderStück 23 – Gottes Wickelkinder nähren

Charles Péguy ist einer jener französischen Katholiken, deren vorkonziliaren Katholizismus man heute zwar eher distanziert wahrnimmt, den ich aber immer wieder lesenswert finde. Die literarische Herangehensweise seines Großpoems "Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung" ist vergleichsweise erfrischend, der direkt angesprochene Leser wird beständig ermuntert und aufgefordert, selbst aktiv zu werden:

Die Kinder nähren - aber richtig!
Zitronenpresse, Neukölln, Berlin, 2016.
"Die Worte des Lebens, die lebendigen Worte lassen sich nur auf lebendige Weise erhalten,
Lebendig genährt,
Gehegt, getragen, gewärmt in einem lebendigen Herzen. [...]
Somit sind die Worte Jesu, die ewigen Worte Wickelkinder, lebendige Säuglinge aus unserem Blut und aus unserem Herzen.
Aus uns, die wir zeitlich leben.
Wie die hinterste Bäuerin, wenn die Königin in ihrem Palast den Kronprinzen nicht nähren kann,
Weil sie nicht genug Milch hat,
Dann kann die hinterste Bäuerin aus der hintersten Gemeinde berufen werden in den Palast,
Falls sie nur eine gute Amme ist,
Und kann berufen werden, den Sohn des Reiches zu nähren.
So sind wir alle [...]
Aufgerufen zu nähren das Wort des Gottessohnes."1

Ein, wie ich finde, äußerst spannender Gedanke: Wir sind die Ammen der Botschaft Jesu.
Ohne unser Herzblut, ohne unser Tätigwerden vergehen sie und sterben.
Kurz vor Heiligabend erinnert Péguys Text an unsere Verantwortung als Christen. Wenn Weihnachten uns mit dem Jesuskind beschenkt, so sind wir doch in der Pflicht, uns darum zu kümmern, seine Botschaft des barmherzigen Vatergottes weiterzutragen und seinen Ruf lebendig werden zu lassen.



1Charles Péguy, Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung. 4. Aufl. Einsiedeln 2007, 74-76.